Die Passionsgeschichte aus der Perspektive Maria Magdalenas in Luise Rinsers Jesusroman
In ihrem 1983 erschienenen Roman Mirjam bricht Luise Rinser mit traditionellen, männlich geprägten Erzählmustern der biblischen Geschichte. Erzählt aus der Sicht von Maria von Magdala - im Roman Mirjam genannt - rückt eine Frau ins Zentrum, die in der offiziellen Rezeptionsgeschichte der Westkirche oft zur sündhaften Prostituierten degradiert wurde.
Diese Seminararbeit untersucht, wie Rinser das Bild der zentralen Jüngerin unter den Einflüssen der feministischen Theologie der 1980er-Jahre rehabilitiert. Im Fokus stehen dabei folgende Schwerpunkte:
-Weiblichkeit und Widerstand: Die Analyse zeigt auf, wie Mirjam und ihre Mitstreiterinnen innerhalb der Jesus-Bewegung als gleichwertige Jüngerinnen agieren, während sie im gesellschaftlichen Umfeld auf massive androzentrische Widerstände stoßen.
-Intertextualität zu den Evangelien: Die Arbeit beleuchtet die engen Verknüpfungen zu den biblischen Texten - insbesondere zum Johannesevangelium - und zeigt, wie Rinser durch die Verwendung aramäischer Namen eine kritische Distanz zu kirchlichen Dogmen schafft.
-Korrektur der Rezeptionsgeschichte: Es wird dargelegt, wie der Roman metanarrativ gegen die jahrhundertelange Stigmatisierung Maria Magdalenas ansschreibt und ihre Rolle als erste Zeugin der Auferstehung ("Apostola Apostolorum") neu gewichtet.
Zwischen historischer Genauigkeit und modernen feministischen Impulsen bietet Luise Rinsers Werk einen faszinierenden Perspektivwechsel, der die verborgenen Stimmen des frühen Christentums wieder hörbar macht.